BUND OV Karben/Niddatal - Vortrag Wasserstoff

28. April 2023 | Energiewende, Ressourcen & Technik, Suffizienz

Vortrag Wasserstoff mit Dr. Werner Neumann Vortrag Wasserstoff mit Dr. Werner Neumann  (Foto: Eckhard Neitzel)

Der Stoff, aus dem die Energieträume sind Sekt oder Selters der Energiewende

Aus welchen Energien soll Wasserstoff erzeugt werden?

Woher soll der Wasserstoff kommen?

Wieviel Wasserstoff wird benötigt für welche Zwecke?

Welche regionalen Projekte sind sinnvoll?

Die Frage, welche Rolle Wasserstoff in der Energiewende spielen kann oder soll, wurde durch Dr. Werner Neumann, Kreisvorsitzender des BUND Wetterau, am 25. April 2023 in Karben klar beantwortet: „Sekt“. Dies bedeutet, Wasserstoff wird ein wichtiger aber teurer Energieträger sein. Er muss ja künstlich hergestellt werden. Dazu darf nach Auffassung des BUND und des Referenten, der auch in den Fachbeiräten der KOPERNIKUS-Projekt „Ariadne“ und „Power-to-X“ mitwirkt, nur Strom aus erneuerbaren Energien eingesetzt werden. Auch wenn Strom aus Wind und Sonne mit 5-7 ct/kWh immer preiswerter werden, wird Wasserstoff eher 10-15 ct/kWh kosten. Daraus ergibt sich die Anforderung, Wasserstoff zum einen mit hohem Wirkungsgrad der Elektrolyse zu erzeugen, 70 Prozent ist der aktuelle Stand. Zum anderen muss Wasserstoff möglichst effizient verwendet werden. Wenn bei der Elektrolyse oder bei der Verbrennung von Wasserstoff Abwärme anfalle müsse diese z.B. in Kraft-Wärme-Kopplung genutzt werden.

Die wichtige Frage ist nicht, wo Wasserstoff eingesetzt werden kann, sondern wo dieser als teures, künftig knappes Gut unabdingbar eingesetzt werden muss. Dies sind die Stahlherstellung und die Chemieindustrie, wobei bei letzterer auch auf Wasserstoff aufbauende künstliche Energieträger (Methan, Methanol, Kerosin) eine wichtige Rolle beim Ausstieg aus fossilem Erdöl und Erdgas spielen werden. Im Bereich der Mobilität werden dies Stoffe am ehesten in Schiffen und schweren LKW einzusetzen sein. Ansonsten Elektroautos dem Wasserstoff weitaus überlegen.

Dr. Werner Neumann verglich die Gesamtwirkungsgrade Strom aus Wind und Sonne in Elektroautos mit 86 % und dem Einsatz von Wasserstoff in Kfz mit Brennstoffzellen oder Verbrenner, wo nur 10 % der Energie zum Antrieb genutzt würden. Die „E-Fuels“ könnten daher auch durchaus „E-Fools“ (engl. für verrückt) genannt werden. Schade sei, dass die FDP im Verkehrsministerium sich nicht auf diese wissenschaftlichen Angaben, z.B. des Fraunhofer-Instituts oder der DECHEMA beziehen würde.

Insgesamt könnte künftig ein Bedarf zwischen 50 und 500 TWh (Mrd. kWh) Wasserstoff entstehen, je nachdem wie effizient dieser eingesetzt würde. Zum Vergleich: der heutige Endenergiebedarf von 2500 TWh müsste auf 1200-1500 TWh gesenkt werden. Je weniger Wasserstoff, umso weniger müsse auch importiert werden, ob aus Chile, Namibia, Nord-Afrika oder Saudi-Arabien. Neumann betonte, dass hierbei es wesentlich sei, dass die Menschen in den Ländern selbst mehr Energie aus ihrem eigenen Land nutzen können und kein neue Ausbeutung entstehe. Zugleich dürfe man keine neuen Abhängigkeiten erzeugen. Wasserstoff aus Ländern die Menschenrechte missachten würden, kämen ohnehin nicht in Betracht. Dafür setze sich der BUND auch mit seiner Vertretung im Wasserstoffrat der Bundesregierung ein.

Wasserstoff habe Vorteile, weil durch eine Wasserstoffpipeline 10mal mehr Leistung transportiert werden könne als mit Hochspannungs-Gleichstromleitungen (HGÜ) für Strom. Statt also 30-40 neue HGÜ-Leitungen (wie die umstrittene SÜDLINK-Leitung) durch Deutschland zu planen, davon fünf auch durch Mittelhessen, hätte eine Berechnung des Netzbetreibers Amprion mit Daten des BUND ergeben, dass man deutlich weniger neue Stromleitungen bräuchte, wenn einige Wasserstoff-Pipelines in die Zentren der Industrie oder der Großstädte gebaut würden. Dies, so Neumann, wäre kostengünstiger und mit geringeren Umweltauswirkungen verbunden.

Die Lösungen auch mit Wasserstoff liegen sogar eher vor und hinter der eigenen Haustüre. So gibt es Konzepte und Anbieter, die Wasserstoff lokal erzeugen und verbrauchen, ob fürs Einfamilienhaus (Fa. Picea) oder für einen ganzen Stadtteil wie in Esslingen oder in den größeren Projekten der Stadtwerke Mainz und Hassfurt am Main.

Abschließend fasste Neumann zusammen, dass die effiziente Nutzung von Energie, der sparsame Umgang mit Ressourcen entscheidend ist, wieviel Wasserstoff benötigt würde. Dies zeige das aktuelle Beispiel der „Recyclingflasche“. Dass man PET Flaschen wiederverwenden könne, sei lange bekannt, auch wenn die Werbung mit Günter Jauch dies als Neuheit darstelle. Die Industrie und Handel seien aber jetzt erst mit höheren Energiepreisen aufgewacht. Dieses Prinzip müsse ausgeweitet werden, denn wenn man Plastik wieder neu verwenden kann, müsse man weniger Erdöl und künftig weniger Wasserstoff zu dessen Herstellung einsetzen. Nebenbei, so Neumann, sei Mehrweg aber immer noch besser.

Wenn aber weiterhin Energie verschwendet würde und wir auf viel Wasserstoff angewiesen sind, wird es teuer. Wenn hingegen Wasserstoff nur 5-10% unseres künftigen Bedarfs abdecke, wäre das, wie wenn man zu bestimmten wichtige Anlässen ein Glas Sekt trinken würde. Entsprechend überreichte ihm Sylvia Neitzel (Sprecherin) vom BUND Ortsverband Karben/Niddatal auch eine gute Flasche Rheingauer Sekt zum Abschluss.

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